re:sümee XI

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Meine Erwartungen waren hoch. Nach meinem Besuch der dmexco 2010, war meine Hoffnung, mit der re:publica 2011 eine kompetente und deutlich sympathischere Veranstaltung vorzufinden. Und eine, bei der man auch die Vorträge hören kann, die einen interessieren. (Schließlich hat man ja dafür auch einen Obolus entrichtet; was immerhin den Vorteil hat, wirklich nur echt Interessierte auf der Veranstaltung zu haben.)
Um es vorweg zu nehmen: Meine Erwartungen wurden nur teilweise erfüllt.

Was hat mir gut gefallen?

Die Fülle des Angebots war sehr ordentlich. Darunter gab es auch einige Perlen, die (leider) meist von den üblichen Verdächtigen kamen, wie z.B. Sascha Lobo oder Sascha Pallenberg. (Ob’s am Vornamen liegt? ;)) Wo sind die unbekannten Schätze, die wir heben können? Aber auch der Vortrag „Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem“ von Gunter Dueck soll so eine Perle gewesen sein; die habe ich leider verpasst, weil ich da bereits für den Vortrag „Facebook fürs Unternehmen?“ anstand (was ich mir besser gespart hätte – siehe weiter unten). Werde ich aber noch nachholen.

Außerdem konnte ich viele Kontakte treffen, die ich sonst nur über die verschiedenen Sozialen Medien kenne. Kompetente und nette Menschen, die es tatsächlich auch in der Offline-Welt gibt. Und manche davon kennen sogar auch mich. Toll.

Was hat mich am meisten gestört?

Vortragstitel: Nicht nur mir ging es so, dass man von vermeintlich interessanten Vortragstiteln angelockt wurde, um dann völlig enttäuscht festzustellen, dass der tatsächliche Vortrag inhaltlich nichts mit dem Titel zu tun hat. Das ist kein Marketing. Das nervt! Dazu zählten u.a. zwei Pseudo-„Facebook“-Vorträge. Ja, auf der Website hätte man mehr zu den Inhalten erfahren können. Aber leider nur theoretisch. Denn die meiste Zeit war die Website und damit das Programm nicht erreichbar. Falls man überhaupt Internetzugang hatte. Schön wäre es daher gewesen, auch auf den gedruckten Tagesprogrammen solche Detailinfos zu finden.

Dann: das Internet. Über alle drei Tage hinweg war die Internetanbindung per WLAN gelinde gesagt eine Katastrophe. Wie man hören und lesen konnte, war das für Teilnehmer der re:publica 2010 keine neue Erfahrung. Wäre schön, wenn man das für das nächste Mal zu einem von drei Hauptzielen erklären würde (siehe Fazit). Macht es zu Eurem Projekt! 😉

Last but not least musste man oft frühzeitig anstehen, wenn man die Chance haben wollte, einen bestimmten Vortrag zu sehen. Das war wohlgemerkt noch lange keine Garantie. Und wenn es dann schon klappte, reichte es oft nicht für einen Sitzplatz; oft genug konnte man schon froh sein, wenn man einen Stehplatz in den völlig überfüllten Räumlichkeiten ergattern konnte.

Die nennenswertesten, von mir besuchten Vorträge im einzelnen:

„Augmented Reality“: Keiichi Matsuda über die Zukunft einer virtuellen 3D-Realität. Er reizte hier filmisch eine spannende Vision aus, in der wir in der realen Welt eine ergänzende virtuelle um uns entstehen lassen können. Interessant und toll gemacht.

„Medienkompetenz #wtf“: Sozial- und Medienpädagoge Jürgen Ertelt mit einem Plädoyer für einen Medienkompetenz-Führerschein. Erscheint so manchesmal als sinnvolle Idee. Was meint Ihr?

„Blogs in Deutschland“: Stine Eckert ist mit ihrer Untersuchung deutscher Blogs (im Vergleich zur internationalen Konkurrenz) mit einem an sich sehr spannenden Thema deutlich zu früh angetreten. 20 befragte Blogs – und die auch noch alle aus einem Bereich (Politik) – sind einfach irgendwie ein paar zu wenig. Welche Aussagekraft und damit welchen Sinn soll das haben?! Nun ja, jedenfalls ließen sich die (völlig unrepräsentativen) Erkenntnisse auf einer Folie locker zusammenfassen (siehe Foto). So meinte auch der diensthabende Moderator dann: „Eine Frage können wir noch – auch wenn’s wehtut…“

„Jüngste Erkenntnisse aus der Trollforschung“: Sascha „Ihr nervt!“ Lobo blies zunächst zum Angriff auf alle an- und abwesenden Fachidio… äh Fachleute und dass er immer für alle herhalten muss. „Wenn die mich anrufen, dann rufen die euch nicht an! Und das ist eure Schuld!“ Tja, was kann man dazu sagen, außer: Recht hat er! Anschließend legte er auf seine unnachahmliche Art dar, warum Trolle aus dem Ökosystem der Blogosphere nicht wegzudenken sind. Hier vermischten sich Wahrheiten und Realität. Amüsant war es allemal.

httpvh://www.youtube.com/watch?v=sXSrpGr0wDU&

Beim Tagesabschluss des Mittwoches bewertete eine (im doppelte Sinne) eher unlustige Jury beim Powerpoint Karaoke ein paar bemühte Zuschauer.

„Virtueller Rundfunk“: Michael @Praetorius über die Möglichkeiten von Social Media Broadcasting ohne die Einschränkungen der Landesmedienanstalten … und die daraus resultierenden Kontroversen. Spannendes Thema, gut umgesetzt.

„Das Ende Welt !!!Eins!Elf!!!“: Ein Grüppchen Selbstberufener ließ Hypes und Shitstorms vergangener Jahre Revue passieren. Naja. Kann man machen. Muss man aber nicht.

„Facebook fürs Unternehmen?“: Was für ein Flop. Da steht man gut eine Dreiviertelstunde in einem Riesengedränge, um es überhaupt in den Kleinen(!) Saal zu schaffen, und dann wird einem nach und nach gewahr, dass dies eine Verkaufsveranstaltung für ein IBM-Projekt namens… oh, schade: Namen vergessen! …ist und nicht im geringsten etwas mit dem vermeintlichen Thema „Facebook für Unternehmen“ zu tun hat, sondern bestenfalls „Facebook imitierende Systeme innerhalb von (sehr großen) Unternehmen“.

„Selbstvermarktung und Subversion im Netz“: Noch so ein Vortrag, unter dessen Titel sich viele etwas völlig anderes vorgestellt hatten als die Aufarbeitung einer Dissertation zum Thema „Anonymous“ mit entsprechend wissenschaftstheoretischem fachterminierten Geschwurbel von Carolin Wiedemann. (Sorry, nicht böse gemeint. Aus meiner Sicht einfach die falsche Bühne. Aber zumindest der falsche Titel.)

„Der Bericht ist voll einseitig und mies recherchiert“: Diese und andere Troll-Weisheiten gaben die beiden Social-Medianer von Quer (BR) und Extra 3 (NDR) zum besten. Sie ließen tief blicken, wie ihr Arbeitsalltag um Umgang mit Fans und Hatern im Social Web aussieht. Kommentare waren überhaupt so ein Trendthema der diesjährigen re:publica und zogen sich so durch viele Vorträge, ob als Kern- oder Randthema. Die vielen Beispiele der TV-Leute jedenfalls führten zu so einigen tragikomischen Kopf/Tisch-„Oh nees“.

Der Abend klang mit der „Royal Revue II“ des „Guten Tag Teams“ aus. Nilz Bokelberg und Markus Herrmann lieferten einen ebenso unterhaltsamen wie persönlichen Abend mit lustigen Webfunden, einem kurzweiligen Bingo (bei dem u.a. @frauenfuss tolle Preise abräumte – siehe Foto) und allerlei anderer Spontaneitäten. Schön war’s.  Bei der parallel laufenden Twitterlesung gab es dem Vernehmen nach gute Tweets zu hören, nur leider von angeblich langweiligen Vorlesern. Hm, nunja. Hörensagen.

„YouTube als Zukunft des Bloggens“: Sascha Pallenberg berichtete gewohnt sympathisch und praxisnah, wie man YouTube nutzen kann (und sollte) und wie man damit offenbar leicht fünfstellige Beträge im Monat verdienen kann. Toll. Ein Highlight. Danke!

„Die Zukunft des Internet, der Welt und des ganzen Rests“: Der nach eigenen Worten völlig ungeeigenete Felix Schwenzel kommt in einem kurzweiligen Vortrag zu der Erkenntnis, dass sich eigentlich über die Zeit nicht viel verändert hat. Höchstens ist alles ein bisschen schneller geworden. Ansonsten war sein Fazit: „Es kommt drauf an, was ihr draus macht.“ Schöner fand ich allerdings: „Schönsaufen kann auch eine Art des Virtualisierens sein.“ 😀

„TV kills the YouTube-Star“. Und zwar nicht. Zu dieser Erkenntnis kamen Christoph „Clixoom“ Krachten, Sascha „Wir kommen noch aus dem lustigen Analogistan“ Pallenberg und Alexander „Du bist Terrorist“ Lehmann. Eine schöne Diskussion, bei der Krachten und Pallenberg durchaus unterschiedliche Standpunkte vertraten. Lehmann, inzwischen in den Diensten des Öffentlich-rechtlichen TVs und auf YouTube vergleichsweise kleinkalibrig, spielte da eher eine Außenseiterrolle. Macht aber nix.

„Ringelpietz mit Anklicken: Parteiseiten, Perlenzüchter, Ponypornos“: Ausgewählte, unglaubliche bis unfassbare Fundstücke aus dem Netz, mäßig präsentiert von Susanne „HappySchnitzel“ Reindke, Heiko Hebig und Teresa Bücker. Musste ich nicht zu Ende sehen und habe mir lieber noch einen guten Platz für die Anschlussveranstaltung gesichert:

„Was hat das Internet je für uns getan?“ Mitveranstalter Johnny Haeusler ließ uns teilhaben, dass Gott größer ist als Star Wars, aber die Beatles sind größer als Gott. Jedenfalls die jeweiligen Beiträge bei Wikipedia. ^^ Außerdem stellte er klar, dass YouTube zahlenmäßig total überschätzt ist und gar nicht viele Videos übrigbleiben, wenn man mal z.B. die ganzen Apple-Unboxing-Clips und den Katzencontent abzieht. 😀 Und zum Schluss gab es das traditionelle gemeinsame Singen. Diesmal mit Queens „Bohemian Rhapsody“…

FAZIT

Ich habe die re:publica als sympathische Veranstaltung kennengelernt, die mit viel Herzblut vorbereitet und durchgeführt wird. Man trifft dort wirklich einen erklecklichen Anteil der bekannteren deutschen (oder deutschsprachigen) Blogosphere. Dennoch gibt es drei wesentliche Dinge, die aus meiner Sicht dringend geändert werden müssen:

1. Die Internetverbindung. Auf einer Veranstaltung, die Onlining und Social Media zum Thema hat, sollte man erwarten können, dass dies in ausreichendem Maße zur Verfügung steht. Um sich darüber abzusprechen, zu treffen, zu berichten und zu promoten. Das sollte auch im ureigensten Interesse der Veranstalter liegen.

2. Die Vorträge. Hier gibt es zwei Wünsche: Zum einen sollten der Inhalt der Vorträge den Titeln derselben entsprechen. Alles andere ist ärgerlich. Zum anderen wäre es wünschenswert, mehr auf die Qualität der Vorträge zu achten und ob diese überhaupt zur Veranstaltung passen. Reine Promotions sollten auch als solche gekennzeichnet sein.

3. Die Räumlichkeiten. Zum einen hatte man das Gefühl, dass die Raumverteilung nicht optimal ausgewählt war. So schienen zugkräftige Vorträge (oder zumindest deren Titel) in zu kleinen Räumen stattzufinden, während eher in Randsportarten einzuordnende Themen überflüssig viel Platz erhielten. Man war sich jedenfalls einig: Die re:publica ist der Kalkscheune eindeutig entwachsen. Diese Einsicht hatten dann auch die Veranstalter rund um Johnny Haeusler, und so versprach Andreas Gebhard erfreulicherweise  Besserung und in den nächsten Monaten ein runderneuertes Konzept für die re:publica vorzulegen.

„Dann könnt ihr in ein bis zwei Jahren mal sagen: ‚Ich war schon bei der re:publica als sie noch in der Kalkscheune war.’“

Party und Amen. 🙂

Fotos: Ralf Heinrich

Autor: Ralf Heinrich

...ist verheiratet, Vater von zwei Söhnen und lebt seit der Jahrtausendwende im badischen Bühl. Der studierte Informationswissenschaftler und Werbe- und Marketingfachmann tauchte bereits 2005 in die Welt der Sozialen Medien ein, als XING noch openBC hieß und Facebook noch nicht wichtig zu sein schien. Er "lebt und atmet" Social Media durch XING, Facebook, Twitter & Co. und bloggt selbstverständlich auch. Bis 2014 beriet er zehn Jahre lang Firmen und Menschen im Umgang mit Social Media, gab ihnen Starthilfe, und entwickelte mit seiner Agentur, dem Kreativbüro, Werbe-Ideen und -Konzepte für seine Kunden. Nachdem er dann für rund viereinhalb Jahre das globale Marketing für den Treasury-Spezialisten BELLIN in Ettenheim geleitet hat, führt er aktuell das Marketing-Team des Sicherheits-Systemhauses Securiton an.

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